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Geschichte des Instituts

Die Wurzeln des Dritten Physikalischen Instituts reichen weit zurück: Der geniale Göttinger Mathematiker Carl Friedrich Gauß hat immer auch den Anwendungen seiner Wissenschaft starke Impulse gegeben. Dieser Tradition folgend, schlug im vorigen Jahrhundert Felix Klein, der als Mathematiker an die Georg-August-Universität berufen worden war, die Schaffung neuer Institute vor, in denen Anwendungen der grundlegenden mathematischen und physikalischen Wissenschaften im Mittelpunkt stehen sollten. Die Anregung von Felix Klein führte zur Gründung eines Institutes für Angewandte Elektrizität und eines Institutes für Angewandte Mechanik, dem der bekannte Aerodynamiker Ludwig Prandtl lange als Direktor vorstand.

Bild von Prof. Dr. Dr. e.h. Erwin Meyer Durch Zusammenlegen dieser beiden Institute entstand im Jahre 1947 das Dritte Physikalische Institut. Unter seinem Gründer und ersten Direktor, Prof. Dr. Dr. e.h. Erwin Meyer, erlangte das Institut bald Weltgeltung als eine der führenden Lehr- und Forschungsstätten für Akustik und verschiedene Zweige der Hochfrequenztechnik. Zu den "klassischen" Forschungsgebieten des Instituts (Raum- und Bauakustik, psychologische Akustik, Wasserschall, Ausbreitung und Absorption elektromagnetischer Wellen) kamen rasch weitere Bereiche hinzu. Die Vielfalt der Forschungsrichtungen möge hier nur an drei herausragenden Beispielen veranschaulicht werden: Zu Beginn der 50er Jahre untersuchten Eigen (Institut für Physikalische Chemie der Universität), Kurtze und Tamm chemische Reaktionsmechanismen in wässrigen Elektrolytlösungen. (Für seine weiterführenden Arbeiten auf dem Gebiet schneller chemischer Reaktionen erhielt Professor M. Eigen 1967 den Nobelpreis für Chemie.) Ebenfalls seit Beginn der 50er Jahre wird im Institut über Kavitationserscheinungen gearbeitet. Für seine grundlegenden Beiträge dazu erhielt Professor W. Lauterborn 1976 den Physikpreis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Schließlich sei erwähnt, dass (in Zusammenarbeit mit den Bell Telephone Laboratories, Murray Hill) Mitte der 60er Jahre durch bahnbrechende Arbeiten von Professor W. Eisenmenger zur Anregung von Phononen in supraleitenden Tunneldioden die hochinteressante Phononenspektroskopie für den Frequenzbereich 109 bis 1012Hz erschlossen wurde.

Am 3. Dezember 1999 wurde am Wohnhaus von Erwin Meyer eine Gedenktafel enthüllt.

Bild von Prof. Dr. Manfred R. Schroeder Im Jahre 1969 übernahm Manfred Schroeder, damals Forschungsdirektor für Akustik, Sprache und Mechanik der Bell Laboratorien, USA, die Leitung des Instituts als Nachfolger Erwin Meyers. Prof. Schroeder fügte dem Forschungsprogramm des Instituts Sprache, Gehör und Audiologie hinzu, unterstützt durch Hans Werner Strube, Armin Kohlrausch und Birger Kollmeier. Gleichzeitig setzte er (mit der kompetenten Assistenz durch Heinrich Henze) die erfolgreichen Experimentalvorlesungen Meyers über Akustik, Wellen und Elektronik fort und erweiterte das Vorlesungsprogramm um Optik und Anwendungen der Zahlentheorie. Zusätzlich las Schroeder über Fraktale und Chaos, digitale Signalverarbeitung und Computergrafik, zu deren Pionieren er gehörte. Verschiedene Forschungszweige kamen hinzu oder wurden erweitert, wie die molekulare Relaxation in Flüssigkeiten (Reinhard Pottel und Udo Kaatze), Aero-Akustik und Verkehrslärm (Dirk Ronneberger), deterministisches Chaos, Hochgeschwindigkeitsholografie und Bildverarbeitung (Werner Lauterborn), biologische Uhren und aktive Geräuschunterdrückung (Dieter Guicking), Raumakustik (Volker Mellert), und organische Leiter (Hans Wilhelm Helberg). Während seiner Amtszeit veröffentlichte Prof. Schroeder drei Bücher (Number Theory in Science and Communication, Fractals, Chaos, Power Laws: Minutes from an Infinite Paradise and Computer Speech). Er wurde zum Fellow der American Academy of Arts and Sciences und anderer Akademien gewählt. Schroeder wurden u.a. die Rayleigh und Helmholtz Medaillen verliehen sowie die Goldmedaille der Acoustical Society of America ("For theoretical and practical contributions to human communication through innovative applications of mathematics to speech, hearing and concert hall acoustics").

Bild von Prof. Dr. Werner Lauterborn Im Jahre 1994 wurde Professor Werner Lauterborn als Nachfolger von Professor Manfred Schroeder an das Institut berufen. Er erweiterte das Fächerspektrum um das Gebiet der Nichtlinearen Dynamik und Chaosforschung sowie die Sonolumineszenz, die Entstehung von Licht aus Schall. Zum Verständnis von Chaos hat bereits Georg Christoph Lichtenberg, Göttinger Physiker (daran sei erinnert), in seiner unübertrefflich witzigen Art einen Aphorismus beigesteuert: "Hätte ich zu Wardöhus einen Kirschkern in die See geworfen, so hätte der Tropfen Seewasser, den Myn Heer am Kap von der Nase wischt, nicht gnau an dem Ort gesessen."

Um das Jahr 2000 arbeiteten am Institut durchschnittlich etwa 20 Doktoranden und 30 Diplomanden und einige Staatsexamenskandidaten im Rahmen ihrer Examensarbeiten an den verschiedensten Forschungsprojekten. Das außerordentlich breite Arbeitsgebiet des Institutes kommt der Ausbildung junger Physiker während der Anfertigung ihrer Diplomarbeit oder Dissertation sehr zugute. Sie erhalten innerhalb des Hauses Einblick in Fragestellungen, die von den eigenen oft weit entfernt sind. Vielfältige Anregungen aus anderen Arbeitsgruppen des Instituts werden insbesondere dadurch ermöglicht, dass in dem gemeinsamen wöchentlichen Institutskolloquium ein breites Spektrum von Themen behandelt wird.

Zur Durchführung der Aufgaben stehen eine Reihe spezieller Einrichtungen zur Verfügung. Genannt seien hier nur die Feinmechanische und die Elektronische Werkstatt und das institutsweite Rechnernetz, das von einer speziellen Rechnergruppe betreut wird.

Turnusmäßig wiederkehrend wurden am Institut bis 2007 die Experimentalvorlesungen

  • Schwingungen und Wellen
  • Akustik
  • Optik
  • Nichtlineare Physik

gehalten. Hinzu kamen Vorlesungen zu weiteren Themen, vor allem Biophysik, an deren Abhaltung sich auch Mitarbeiter des Göttinger Max-Planck-Instituts für Biophysikalische Chemie beteiligen. Viele der Vorlesungen wurden seit Erwin Meyers Zeiten in Buchform gegossen und gaben so dem Studenten Anleitung, was sich zu wissen lohnt.

Bild von Prof. Dr. Christoph SchmidtIm Juli 2005 zog das Institut aus dem Haus in der Bürgerstraße in den Physikneubau am Friedrich-Hund-Platz um. Der Forschungsschwerpunkt verlagerte sich auf die Biophysik mit vielen neuen Arbeitsgruppen, und die Leitung ging 2007 an Prof. Dr. Christoph F. Schmidt über.

Näheres siehe Festschrift:

Oscillations, Waves, and Interactions:
Sixty Years Drittes Physikalisches Institut.
Herausgeber: Thomas Kurz, Ulrich Parlitz und Udo Kaatze
(Universitätsverlag: Göttingen, 2007)

© 1998 DPI Göttingen, BRD: Letzte Änderung: 12. Februar 2009